Social Design
Wir haben uns beim Social Design Award 2026 beworben, dem Leserwettbewerb des SPIEGEL, bei dem Initiativen und Projekte mitmachen können, die Menschen in Verbindung bringen und zum besseren Miteinander beitragen. Einreichungsfrist bis 31.08.2026.
Wir teilen hier unsere Bewerbung wie folgt:
Kurzbeschreibung des Projekts
SHALOM.BERLIN macht sichtbar, wie eng jiddische und deutsche Sprache miteinander verbunden sind. Viele Wörter jiddischer Herkunft – etwa Mischpoke, Schlamassel oder Chuzpe – sind längst selbstverständlicher Teil der deutschen Sprache, ohne dass ihre Herkunft vielen Menschen bewusst ist.
SHALOM.BERLIN übersetzt diese sprachliche Verbindung in zeitgenössisches Design und Streetwear. Kleidung wird so zum niedrigschwelligen Gesprächsanlass: über Wörter, ihre Herkunft und darüber, dass das Judentum selbstverständlicher Teil unserer gemeinsamen Kultur ist.
Was ist das Ziel des Projekts?
SHALOM.BERLIN möchte jüdische Kultur dort sichtbar machen, wo Menschen ihr im Alltag begegnen: auf der Straße, im Café, beim Einkaufen oder auf Veranstaltungen.
Im Mittelpunkt stehen keine politischen Botschaften und keine religiöse Vermittlung, sondern Sprache. Wörter wie MISCHPOCHE, SCHLAMASSEL, CHUZPE oder MESCHUGGE zeigen ganz selbstverständlich, wie tief jiddische Sprache in der deutschen Alltagssprache verankert ist.
Diese oftmals unbekannte Verbindung schafft einen niedrigschwelligen Zugang zu jüdischer Kultur. Ein T-Shirt kann dabei etwas leisten, was klassische Informationsangebote häufig nicht schaffen: Es weckt Neugier, provoziert eine Frage und bringt Menschen miteinander ins Gespräch.
Welche sozialen Aspekte spielen eine Rolle?
SHALOM.BERLIN schafft Begegnung über etwas, das Menschen bereits miteinander teilen: Sprache.
Viele Menschen benutzen Wörter jiddischer Herkunft, ohne zu wissen, woher sie stammen. Die überraschende Erkenntnis, dass diese Begriffe Teil der eigenen Alltagssprache sind, verändert den Blick auf jüdische Kultur. Sie erscheint nicht als etwas Fremdes oder ausschließlich Historisches, sondern als selbstverständlicher Bestandteil der Gegenwart.
Die Kleidung funktioniert dabei als Gesprächsanlass. Menschen fragen nach der Bedeutung eines Wortes, erzählen von eigenen Erfahrungen oder entdecken Begriffe wieder, die sie aus ihrer Familie oder Kindheit kennen.
So entstehen niedrigschwellige Begegnungen und Gespräche über jüdisches Leben, ohne dass zunächst eine politische oder religiöse Positionierung notwendig ist.
Gerade in einer Zeit, in der jüdisches Leben häufig vor allem im Zusammenhang mit Antisemitismus, Konflikten oder Bedrohung wahrgenommen wird, setzt SHALOM.BERLIN bewusst ein anderes Bild dagegen: jüdische Kultur als lebendigen, selbstverständlichen und sichtbaren Teil unserer gemeinsamen Gesellschaft.
Was ist innovativ an dem Projekt?
SHALOM.BERLIN verbindet Sprachgeschichte, jüdische Kultur, zeitgenössisches Design und Streetwear.
Die Begriffe werden nicht museal erklärt oder ausschließlich in klassischen Bildungsformaten vermittelt, sondern als selbstverständlicher Bestandteil moderner Alltagskultur inszeniert.
Charakteristisch für die Gestaltung ist die Verbindung aus einem deutschen Wort jiddischer Herkunft, einer pseudohebräisierten Typografie und einem kurzen englischen, häufig frechen oder lakonischen Zusatz mit Berliner Schnauze.
So wird aus Sprachvermittlung kein Lehrstück, sondern ein tragbares Statement.
Hinzu kommt ein bewusst niedrigschwelliger Vertriebs- und Kommunikationsansatz: Die Produkte begegnen Menschen im Webshop, über Social Media, bei Veranstaltungen, in Geschäften und an Orten jüdischer Kultur.
SHALOM.BERLIN versteht Kleidung damit nicht nur als Produkt, sondern als Medium für kulturelles Storytelling.
Wie trägt das Projekt zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei?
SHALOM.BERLIN beginnt nicht bei den Unterschieden zwischen Menschen, sondern bei etwas, das sie bereits verbindet.
Sprache ist Teil unserer gemeinsamen kulturellen Identität. Dass zahlreiche vermeintlich „deutsche“ Alltagsbegriffe jiddische Wurzeln haben, zeigt auf sehr konkrete Weise, wie eng jüdische und deutsche Geschichte und Kultur miteinander verflochten sind.
Wer erkennt, dass Mischpoke, Schlamassel oder Chuzpe Teil der eigenen Sprache sind, entdeckt jüdische Kultur nicht als etwas außerhalb der Mehrheitsgesellschaft, sondern mitten in ihr.
Diese Perspektive kann Vorurteile nicht allein beseitigen. Sie kann aber Nähe schaffen, Neugier auslösen und Gespräche ermöglichen.
Genau darin liegt der Ansatz von SHALOM.BERLIN: gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht über große Appelle zu formulieren, sondern über kleine, alltägliche Begegnungen.
Ein Wort auf einem T-Shirt kann der Anfang eines solchen Gesprächs sein.
Wie wird das Projekt bereits umgesetzt?
SHALOM.BERLIN ist kein Konzept auf dem Papier, sondern bereits realisiert. Die Website/den Webstore gibt es seit dem 14.09.2025.
Die Marke verfügt über einen eigenen Onlineshop. Darüber hinaus werden die Produkte bei Veranstaltungen und über stationäre Partner präsentiert.
Beim Koscheren Streetfood Festival im Hof der Neuen Synagoge Berlin 2025 konnte das Konzept bereits unmittelbar erprobt werden. Dort entstanden zahlreiche Gespräche mit sehr unterschiedlichen Besucherinnen und Besuchern über die Wörter, ihre Herkunft und die Idee hinter der Marke.
Produkte von SHALOM.BERLIN sind im Levy’s Contor in den Hackeschen Höfen erhältlich sowie im Museumsshop der Neuen Synagoge Berlins. Weitere Kooperationen sind in Vorbereitung.
Damit bewegt sich das Projekt bewusst zwischen digitaler Kommunikation, Mode, Kulturvermittlung und realen Begegnungsorten.
Welche Materialien und Kommunikationsmittel werden eingesetzt?
Im Zentrum stehen Kleidungsstücke wie T-Shirts, Longsleeves, Caps und weitere Accessoires.
Ergänzt werden sie durch Sticker, Patches, Plakate, QR-Codes, den Webshop sowie redaktionelle und audiovisuelle Inhalte auf Social Media.
Die Produkte selbst sind dabei das wichtigste Kommunikationsmedium: Sie tragen die Begriffe in den öffentlichen Raum und schaffen dort Sichtbarkeit.
Social Media erweitert diese Ebene um die Geschichten hinter den Wörtern, Kooperationen und Menschen, die SHALOM.BERLIN tragen.
Was motiviert das Projekt?
Ausgangspunkt von SHALOM.BERLIN war die Beobachtung, dass unglaublich viele Wörter jiddischer Herkunft völlig selbstverständlich zur deutschen Sprache gehören – ihre Herkunft aber kaum bekannt ist.
Daraus entstand die Frage: Kann man diese Verbindung sichtbar machen, ohne daraus ein klassisches Bildungsprojekt zu machen?
Die Antwort war Streetwear.
Die ersten Reaktionen haben gezeigt, dass das Prinzip funktioniert. Menschen entdecken Wörter neu, erzählen Geschichten dazu, verschenken Shirts, kommen bei Veranstaltungen ins Gespräch oder sprechen andere Menschen aufgrund eines getragenen Begriffs an.
Aus einer zunächst kleinen Idee ist dadurch innerhalb kurzer Zeit eine wachsende Community entstanden.
SHALOM.BERLIN möchte diese Entwicklung fortsetzen und gemeinsam mit kulturellen Einrichtungen, Künstlern, Unternehmen und anderen Partnern neue Formen finden, jüdische Kultur selbstverständlich im Alltag sichtbar zu machen.
Was sollten wir sonst noch wissen?
SHALOM.BERLIN ist bewusst keine Kampagne gegen Antisemitismus im klassischen Sinne.
Die Marke setzt früher an.
Sie möchte dazu beitragen, dass jüdische Kultur nicht erst dann sichtbar wird, wenn über Antisemitismus gesprochen wird. Sie soll als lebendiger und selbstverständlicher Bestandteil unseres Alltags wahrgenommen werden.
Dabei hilft die deutsche Sprache selbst.
Denn viele Menschen tragen ein kleines Stück jiddischer Kultur längst mit sich herum – jedes Mal, wenn sie von ihrer Mischpoke sprechen, Chuzpe bewundern, im Schlamassel stecken oder jemanden einen “echten Menschen” nennen.
SHALOM.BERLIN macht genau diese Verbindung sichtbar.